Die pfälzische Linie der Wittelsbacher hatte unter Pfalzgraf Rudolf II.
Neustadt als Residenz erwählt. Wie andere fürstliche Geschlechter
der damaligen Zeit wollte auch er eine Hauskirche, die als Grablege
dienen sollte und in der der Angehörigen seiner Familie gedacht werden
sollte. Im religiösen Verständnis der damaligen Zeit war die ständige
Meßlesung für Tote und Lebende sehr wichtig für das Seelenheil. Kurz
vor seinem Tod 1353 befahl Rudolf II. die damalige Pfarrkirche
St. Aegidius in ein Kollegiatstift umzuwandeln und eine neue Kirche
zu errichten, die den Ansprüchen eines Stiftes und einer
Begräbnisstätte der fürstlichen Familie entsprächen. Er selbst wurde
vor dem Chor der Vorgängerkirche bestattet, von der wir nicht wissen,
wie sie aussah, die aber mit Sicherheit deutlich kleiner war als die
dann an gleicher Stelle neu errichtete Stiftskirche.
Sein Bruder Ruprecht I. erfüllte Rudolfs Wunsch und erhob 1356 die
Pfarrkirche in den Rang eines Kollegiatstiftes. Zunächst berief der
Kurfürst zehn Stiftsherren, die vom Bischof bestätigt werden mußten,
später sogar noch weitere vier und stattete sie mit zahlreichen
Pfründen aus. Hinzu kamen noch 16 Vikare, die für die, nicht immer
mit der Priesterweihe versehenen Stiftsherren die geistlichen Aufgaben
übernahmen. Das Stiftskapitel, die Gemeinschaft der Stiftsherren,
unterstand einem Dekan und verwaltete sich selbst. Zu ihren Aufgaben
gehörte das gemeinsame Chorgebet, die liturgischen Feiern, die
Seelsorge und die zum Stift gehörende Schule.
1363 ist dann erstmals in einer Urkunde von einem geplanten neuen
Chor die Rede, bald darauf wurde der Grundstein gelegt. Man begann
mit dem Bau des Chores ein Stück weiter östlich des alten Pfarrchores
und baute ihn um den Vorgängerchor herum, um die alte Pfarrkirche so
lange wie möglich nutzen zu können. Gleichzeitig wurden an der
Westseite die Fundamente für die Doppelturmfassade gelegt, wobei
der Südturm zuerst gebaut wurde. Entgegen dem Baustil der damaligen
Zeit blieb Ruprecht I. bei dem Vorbild der romanischen
Doppelturmfassade. Er war ein glänzender Territorialpolitiker und
konnte durch sein geschicktes Vorgehen viele ehemalig salische
Besitztümer erwerben. Durch die bewußte Beibehaltung der mächtigen
Doppeltürme in salischer Tradition ( das Hauskloster der Salier auf
der Limburg weist die gleiche Turmanordnung auf ) demonstrierte er
seine Verbundenheit mit dem Erbe der Salier und setzte sogleich ein
weltliches Zeichen seiner Machtansprüche.
Der Turm war nicht nur Glockenturm, sondern diente im Untergeschoß
als Tresorraum für einen umfangreichen und kostbaren Reliquienschatz,
den Ruprecht I. gestiftet hatte. Daher die kleinen schießschartenartigen
Fenster im Untergeschoß, das auch nur von innen durch die Kirche
betreten werden konnte. (Die Tür zum Turm wurde erst Ende des letzten
Jahrhunderts durchgebrochen.) Um die Tür zur Schatzkammer öffnen zu
können, waren sechs verschiedene Schlüssel notwendig, die sich in den
Händen wichtiger Kirchen- und Stadtvertreter befanden. Es existieren
noch drei Verzeichnisse dieser Schätze, aber kein einziges Stück ist
erhalten. Wahrscheinlich wurde durch die Bilderstürmer während der
Reformation im 16. Jh. alles zerstört.
Zurück zum Baufortschritt der neuen Kirche: bereits 1383 wurde der
Chor eingeweiht. Das Fehlen einer Baunaht zwischen Stifts- und
Pfarrchor läßt darauf schließen, daß es sich dabei um die
Weihe des Gesamtchores handelt, in dessen Bereich sich auch das
Grab des Stifters und seiner Gattin befand.Erst danach riß man das
Langhaus der alten Kirche ab und erbaute Haupt- und südliches
Seitenschiff, anschließend das nördliche Seitenschiff bis auf die
beiden westlichen Joche, um an den erst noch zu errichtenden Nordturm
später anzuschließen. Bis 1430/40 waren dann die ersten beiden Geschoße
des Nordturmes fertig, ebenso die Vorhalle im Westen mit der Empore,
so daß das Mittelschiff eingewölbt werden konnte. Beim Nordturm gab
es dann eine Bauunterbrechung von fast 50 Jahren, bis 1487 - 89 die
letzten beiden Geschoße gebaut wurden, wie sich an den eingemeißelten
Jahreszahlen erkennen läßt.
Während Stifts- und Pfarrchor, sowie der Südturm relativ schnell
gebaut wurden, verzögerte sich der Weiterbau bis hin zu dem fast
50-jährigen Baustop bevor die Kirche durch die Fertigstellung des
Nordturmes letztlich vollendet war. Die Ursache beginnt schon mit
der Gründung der Universität in Heidelberg 1386, die sich unter
kurfürstlicher Förderung rasch zu einer bedeutenden Hochschule
entwickelte. Ruprechts Nachfolger gründeten außerdem mit der
Heilig-Geist-Kirche in Heidelberg ein weiteres Stift, das sie zur
neuen Grablege der Wittelsbacher bestimmten. Zu diesem Zeitpunkt
wurden auch vier Pfründe des Neustadter Stifts nach Heidelberg zur
dortigen wirtschaftlichen Unterstützung abgezogen. Somit hatte
Heidelberg letztendlich als Residenzstadt der Kurfürsten den Vorzug
erhalten.